Das geteilte Wissen

Raumessay, 2012-2014

Der Raumessay „Das geteilte Wissen“ von Fabian Reimann besteht aus drei unterschiedlichen Werkgruppen, in denen er sich auf der Grundlage eigener Erfahrungen mit dem Thema „Deutsche Nationalbibliothek“ beschäftigt:


Als ich 1993 in jugendlichem Übermut einen belletristischen Verlag mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Lyrik gründete war mir nicht klar, dass dieses Unternehmen wirtschaftlich untragbar sein würde. Mir war genau so wenig klar, aus welchem Grund von jedem Buch zwei Exemplare pflichtgemäß nach Frankfurt am Main und nach Leipzig zu liefern gewesen sind. ImZuge der Auseinandersetzung mit der Ära des Kalten Krieges und der deutschen Teilung wurde mir auch die Teilung Deutschlands als Grund für die Parallelexistenz der Standorte der Nationalbibliothek war.
In dem dreiteiligen Raumessay ". Das geteilte Wissen“ zwei Jahre lang intensiv in Leipzig und Frankfurt am Main recherchiert und zu der Geschichte dieses „Speichers deutschen Schrifttums“ gearbeitet.

In einer Projektion verschiedener Dokumente zeige ich, wie die Deutsche Bücherei und andere Bibliotheken in Leipzig zwischen 1945 und 1947 systematische entnazifiziert wurden. Tonnenweise Bücher und andere Dokumente wurden vernichtet. Die Neutralität von Sammlungstätigkeit wurde in keiner Zeit wirklich beibehalten.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs existierten in Westdeutschland erhebliche Zweifel an einer zukünftigen Kooperation mit den Sowjets. Schon 1946 wurde in Frankfurt deshalb - unter erheblichen Protesten aus Leipzig - die „Deutsche Bibliothek“ gegründet. 1959 wurde sie in einem modernen Neubau eröffnet. Der ehemals markante Bücherturm in der Frankfurter Zeppelinallee wurde allerdings 1997 nach der Gründung  der „Deutschen Nationalbibliothek“ abgerissen. Bilder des nicht mehr existenten Turm wurden auf Druckplatten belichtet und bilden den Hintergrund für die fiktive Geschichte eines Turms voll verbotener Bücher, dem aus Umberto Ecos’ „Der Name der Rose“ - genauer der Romanverfilmung von 1986.

In einer Gruppe von Grafiken als Raumobjekten verfolge ich Mechanismen der Inventarisierung, in dem ich meinem 2012 veröffentlichten Buch „Another Earth Catalog“ Schritt für Schritt bis zu seinem Standort jeweils in Frankfurt und in Leipzig folge.