Leichter als Luft

2019 Warburg-Universum Zeppeline

2018 hatte ich im Jahresmagazin des Landesverband Bildende Kunst, Sachsen, den Bildessay „Leichter als Luft“ veröffentlicht. Der thematische Rahmen war „Original und Kopie“. 2019 wurde ich zu der Ausstellung „PARADIGMA Blickwechsel – copyright“ eingeladen. Dies wohl vor allem wegen der Aufmersamkeit auf „Leichter als Luft“. Es lag nahe, diesen Bildessy aufzugreifen, um daraus eine narrative Installation zu entwickeln, die sich mit dem Verhältnis zu den eigenen Quellen auseinandersetzt. So entstand eine Wunderkammer, ein Archiv, eine räumliche Quellensammlung zu dem Thema „Leichter als Luft — Weltfahrten“, Reisen durch das Warburg-Universum.

 

 

 

 

The Surveyor

2008-2010 Anthony Blunt

1979, Sir Anthony Frederick Blunt ist nicht mehr Sir. Der Grund dafür liegt weit zurück in Cambridge, wo er studierte. Dort kam er mit einem geheimen Kreis von Männern zusammen, jung und von glühender Leidenschaft für den Kommunismus. Später wurden sie bekannt als die Cambridge Five. Der erste von ihnen wurde 1951 enttarnt, der zweite ein Jahr später. Blunt war zu dieser Zeit Professor für Kunstgeschichte und Berater der Queen in Kunstdingen, er betreute die Gemäldesammlung der Windsors als Surveyor of the Queen’s Pictures. Französische und italienische Kunst waren sein Schwerpunkt, Poussin insbesondere. 1963 flog der dritte aus dem Kreis der Cambridge Five auf, er hatte sich wie schon die anderen nach Moskau abgesetzt. Blunts zweite Identität wurde ein Jahr darauf bekannt – aus Rücksicht auf die Queen aber nicht in die Öffentlichkeit getragen. Margaret Thatcher tat dies 15 Jahre später. „Durch sein öffentliches Schweigen wurde Blunt, der Undurchschaubare – und scheint es bis heute –, eine perfekte Folie, auf die sich hemmungslos projizieren lässt. Distinguiertheit und Distanz schufen das Bild des ›Unantastbaren‹. In Abwesenheit des konkreten Blunt, der weder seinen Zeitgenossen noch der Nachwelt den Gefallen ausführlicher Selbstzeugnisse tat, scheint Blunt als Figur folgerichtig dort am überzeugendsten und eindeutigsten zu sein, wo er sich in Fiktion verwandelt: als „The Untouchable“, also wörtlich der Unantastbare, aber auch der Unberührbare in John Banvilles Roman von 1997, oder als der Kunsthistoriker, Spion und Höfling, der sich jeder Festlegung, jeder Zuschreibung entzieht, in Alan Bennetts Theaterstück „A Question of Attribution“ von 1988.“

bestehend aus
Freedom of Information Act: Carbon Copy
Freedom of Information Act: Prescripted Interrogation
One Second Distance
Poussin Lectures

Als integraler Teil wurde das Buch mit dem gleichlautenden Titel veröffentlicht „The Surveyor“

Reiter auf dem Sturm

2011 Edwin Davis Nicola Tesla Wilhelm Reich

Warum ist der elektrische Stuhl erfunden worden? Wie spricht der Hund zum Herrchen? In dieser Ausstellung versucht Fabian Reimann im faustschen Sinne auf des Pudel Kern einer Welt im künstlichen Licht vorzudringen.

Um 1900 war die Welt faktisch geworden. Sie war stückenweise enträtselt, man hatte die kleinsten Bausteine des Lebens in Atome zerlegt und forschte an Geist und Psyche des Menschen. Es sind universelle Fragen gewesen, die manchen Menschen zur Obsession geworden sind: Woher kommt die Energie, die alle Dinge in Bewegung und am Leben hält. Und sind wir permanent von dieser Energie umgeben? Forschungsdrang, Erfindergeist und damit zusammenhängende Betriebsblindheit sind Themen, die in der Ausstellung Reiter auf dem Sturm mit drei historischen Personen und deren Werk zusammengeführt werden.

Bestandteile des Raumesays:

Erscheinungskiste

ACAC

587.649

Alsos Epsilon Toothpaste

2012 Atomwissenschaft Einzelausstellung Spionage

Alsos, Epsilon, Toothpaste – hinter diesem Titel der Ausstellung von 2012 verbarg sich die alliierte Geheimdienstmissionen aus den Jahren 1944/45.  Ziel war, die deutschen Atomphysiker, die Vertreter des „Uranverein“, zu verhaften und herauszufinden, inwieweit das Dritte Reich eine Atomwaffe entwickelt hatte.

In der Ausstellung ging es unter anderem um die universellen Weltformeln, wie sie im 20. Jahrhundert Konjunktur hatten. Von der Entdeckung des Atoms und der Kernspaltung als Weg der Nutzbarmachung neuer Energiepotentiale gab es eine Verknüpfung zu den Universalitätsansprüchen der Avantgarden der Kunst: Die in einem Landhaus bei Cambridge internierten Physiker, Constantin Brancusis unendliche Säule und der Kristall als Metapher der Moderne fügen sich zu einer formalästhetisch konsequenten aus Raum-, Licht-, Schattenzeichnungen und verlorener Form.

Bestandteile waren

Uranonyme

Uranclub

Unendliche beschränkt

Überflieger

2012 Gary Powers U2-Krise

Der Raumessay »Überflieger« zeichnet Momente der Geschichte illegaler Luftaufklärung in der Zeit des Kalten Krieges nach. In dieser Geschichte zeigen sich die Anfänge von taktischer Luftaufklärung, wie sie heute von Dronen und Satelliten ausgeführt werden, und uns durch Medienbilder oder bsp. google earth im Umgang ganz selbstverständlich erscheinen.
Im Zentrum steht eine Geschichte, die am Morgen des 8. Februar 1962 endet. Der US-amerikanische Soldat Francis Gary Powers steht im Niemandsland zwischen Potsdam und Berlin. Hier, auf der Glienicker Brücke wird der erste Agentenaustausch des Kalten Krieges stattfinden: Pors kehrt zurück in die USA. Seine Mission »Operation Overflight« war gescheitert als er mit seinem U2-Aufklärungsflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen wurde. U2-Krise geworden.
»Überflieger« besteht aus
»Quick Appearance«
»Ich sehe«
»New Mexico Museum of Space History«
»Gary Crossed the Line«
»Brücke der Einheit«

Das geteilte Wissen

2014 Deutsche Nationalbibliothek

 

 

Der Raumessay „Das geteilte Wissen“ von Fabian Reimann besteht aus drei unterschiedlichen Werkgruppen, in denen er sich auf der Grundlage eigener Erfahrungen mit dem Thema „Deutsche Nationalbibliothek“ beschäftigt:

„Als ich 1993 in jugendlichem Übermut einen belletristischen Verlag mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Lyrik gründete war mir nicht klar, dass dieses Unternehmen wirtschaftlich untragbar sein würde. Mir war genau so wenig klar, aus welchem Grund von jedem Buch zwei Exemplare pflichtgemäß nach Frankfurt am Main und nach Leipzig zu liefern gewesen sind. Das wurde mir später dann vollkommen klar.“

Zwei Jahren lang beschäftigte ich mich bis 2014 intensiv mit der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main. Die Geschichte dieses „Speichers deutschen Schrifttums“ an den beiden Standorten zeigen stellvertretend die kulturellen Auswirkungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs existierten in Westdeutschland erhebliche Zweifel an einer zukünftigen Kooperation mit den Sowjets. Schon 1946 wurde in Frankfurt am Main deshalb – unter erheblichen Protesten aus Leipzig – die „Deutsche Bibliothek“ als Pendant zur „Deutschen Bücherei“ in der sogenannten Sowjetischen Besatzungszone gegründet.

Die Werkgruppen sind

Le tour

Another Earth Catalog katalogisiert

Gedächtnis Reinigung

The Surveyor

2009-2011 Anthony Blunt Freedom of Information Act Jasper Sharp Spionage

 

 

 

sic!

2017 H.G. Wells Lenin Stalin

H. G. Wells kannte ich als Autor utopischer und fantastischer Romane. Während der Arbeit an „The World Set Free“ setzte ich mich intensiv mit seinem Werk auseinander. Sin großes Interesse an der Sowjetunion war mir bis dahin weniger bekannt. Seine Reisen dorthin fasste er 1921 in dem Buch Russia in the Shadows zusammen. In dem Raumessay Sic! hat Fabian Reimann signifikante Zitate aus dem Gespräch mit Lenin, dem Träumer im Kreml, ausgewählt. 1934 interviewte Wells Stalin. Das Buch Stalin Wells Talks erlebte als Einblick in die UdSSR große Popularität. In dieser Zeit begannen die Manipulationen von Fotografien. Das berühmteste Beispiel ist Lenins Rede von 1920 vor dem Bolschoi-Theater in Moskau. Aus dem Foto verschwanden Trotzki und Kamenew. In Reimanns Arbeit ist das Bild in sechs Komponenten zerlegt, das Publikum lässt durch sich unversehens auch Lenin, Rednerpodest, Bevölkerung und Stadt verschwinden. Der Raumessay wirft Fragen nach der allgemeinen Geschichtsvergessenheit auf, die zwischen Lenkung und Teilnahmslosigkeit ihre Antwort finden.

 

(Foto Claus Bach)

 

 

 

 

 

 

Another Earth Map

2015

Was nicht nur mir aufgefallen ist: Fast alle Geschichten von utopischen Orten enden damit, dass diese untergegangen oder auf andere Art verschollen sind. Oder es sind die Landkarten verloren gegangen, so dass man den Weg zu dem Ort einer utopischen Geschichte nicht mehr finden kann.  

Die utopischen Orte sind die Orte von Geschichten, in denen Modelle eines anderen Zusammenlebens, anderer Gesellschaftsformen geschildert werden. Diese Ideen spiegeln die Zeit, in der diese Geschichten verfasst wurden.  
Ich habe eine Sammlung von utopischen Orten – sortiert nach den Kategorien Städte, Lände, Inseln und Planeten – erstellt und auf einen Wegweiser übertragen. Dieser ist eine von vielen Varianten der Obeliskenform, die bei dem mir ersten bekannten Kartieren der Zeit zum Einsatz kamen.  

1694 wurden in Sachsen alle wichtigen Post- und Handelsstraßen zur Angabe amtlicher Entfernungen und einheitlichen Berechnung der Postgebühren die kursächsischen Postmeilensäulen aufgestellt – ein zeitökonomisches System, um die Transportgeschwindigkeit von Nachrichten und Waren zu organisieren. Damit wurde die Arbeit der Postkutscher oder Boten vereinfacht, sie kamen schneller ans Ziel, konnten aber auch weniger zu spät kommen. Diese Wegweiser zeigten keine Entfernungen an, sondern die Zeit, die man von einem Ort zum anderen brauchen sollte, was wir heute als Zwang zur Selbstoptimierung bezeichnen würden.

Die Serie der Postsäulen wird durch zahlreiche Invarianten von deren Formen für Viertel- und Halbstundensäulenabstände vervollständigt.  

Das Themenfeld der Kartografie habe ich für den Bildessay »Another Earth Map« wieder aufgegriffen. Auf 38 Bildern wird eine Weltkarte erstellt, ein globales Netzwerk von Persönlichkeiten, individuellen Ideenwelten, Folgen der Kolonialisierung und von unterschiedlichem Größenwahn im Allgemeinen.

Ausstellungsansicht „Kingdom Paradise“ ACC Galerie Weimar, 2015

Ausstellungsansicht „Kingdom Paradise“, Städtische Museen Zittau, 2016

Ausstellungsansicht „Lost Paradise“ Halle 14, Leipzig, 2017

CNTRM Chapter 4

2018 Berlin

Da saß ein Mensch den ganzen Tag in einem Häuschen, hat Hochhäuser und Mauern aus Beton gesehen, ein paar Bäumchen, irgendwo den Himmel. Vielleicht saß der da mit Thermoskanne und Wurststullen und hat geguckt, seinen Gedanken und Tagträumen nachgehangen. Er wartete wie Gerhardt Hauptmanns Bahnwärter Thiel. Der betätigte seine Schranke, wenn sich ein Zug ankündigte. Unser Mensch öffnete das Tor für Lastwagen, die das Centrum-Warenhaus belieferten, dann kam wieder das Warten. Um diesen Stillstand der Person ist die Bewegung der Stadt und der Waren, die andauernd in diese Stadt geliefert werden.  In dieser gedehnten Zeit des Abwartens  rauschen die Bilder durchs Hirn, das Kopfkino rattert. 

Das Kino als solches wurde gleichzeitig mit den Warenhäusern erfolgreich. Sie verbindet Wachstum und ihr Stellenwert für Kultur und Handel, die Kulturindustrie selbst im 20. Jahrhundert. Onlinehandel und Streaming haben Konsummuster verändert. Der Warentransfer bleibt, wie selten zuvor global vernetzt. Unser Mensch im Häuschen ist den Veränderungen der zeit gewichen, denen politischer Systeme und technologischen Veränderungen. Sein Pförtner-Pavillon steht still da. Vielleicht hatte der Pförtner Filme im Kopf, Roadmovies, in denen Lastwagenfahrer Asphaltcowboys und Könige der Autobahnen waren. In den späten 1970er Jahren, als das Centrum-Warenhaus eröffnete hatten die Highway-Könige auch ihre große Zeit in den Kinos. 

Aus den Fenstern des Pförtnerhäuschens heraus sieht man auf einer LKW-Plane gedruckt einen Bildessay, in dem Fabian Reimann das erste Warenhaus der Welt, Truckerfilmen, Außerirdische, Kampfrobotern, Zombies und mehr zusammenkommen lässt.

Fabian Reimanns Installation für Kapitel 4 im CNTRM ist eine Imagination von scheinbar zeitlosen Fantasien der ehemaligen Pförtner des Centrum Warenhaus, die wie in einem Kopfkino gleichzeitig ein Spiegel des Ortes und dessen Funktion darstellt. Reimann führt uns allerdings keinen starren Rückblick vor, sondern eine Vision aus Mobilität und Geschwindigkeit.

Mit Kapitel 12 wurde der Pförtner-Pavillon in der Nähe des Berliner Ostbahnhof nach über 20 Jahren wieder geöffnet und es beginnt der Prozess der Erneuerung und des Sichtbarwerdens. Die geplante Renovierung wird mit Kapitel 1 im Oktober 2018 abgeschlossen werden und dann einen Eindruck vermitteln, wie das Pförtnerhaus vor 40 Jahren ausgesehen hat. Parallel hierzu entwirft CNTRM mit eingeladenen Künstler*innen einen zweiten Handlungsstrang, der als Hauptakt (Kapitel 11 – 2) aus zehn Ausstellungen besteht. Diese künstlerischen Interventionen beziehen sich auf den jeweiligen Renovierungszustand des Pförtner-Pavillons.

CNTRM ist ein Projekt von Christof Zwiener