Das geteilte Wissen

2014 Deutsche Nationalbibliothek

 

 

Der Raumessay „Das geteilte Wissen“ von Fabian Reimann besteht aus drei unterschiedlichen Werkgruppen, in denen er sich auf der Grundlage eigener Erfahrungen mit dem Thema „Deutsche Nationalbibliothek“ beschäftigt:

„Als ich 1993 in jugendlichem Übermut einen belletristischen Verlag mit dem Schwerpunkt auf zeitgenössischer Lyrik gründete war mir nicht klar, dass dieses Unternehmen wirtschaftlich untragbar sein würde. Mir war genau so wenig klar, aus welchem Grund von jedem Buch zwei Exemplare pflichtgemäß nach Frankfurt am Main und nach Leipzig zu liefern gewesen sind. Das wurde mir später dann vollkommen klar.“

Zwei Jahren lang beschäftigte ich mich bis 2014 intensiv mit der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und Frankfurt am Main. Die Geschichte dieses „Speichers deutschen Schrifttums“ an den beiden Standorten zeigen stellvertretend die kulturellen Auswirkungen des Kalten Krieges und der deutschen Teilung. Nach dem Ende des 2. Weltkriegs existierten in Westdeutschland erhebliche Zweifel an einer zukünftigen Kooperation mit den Sowjets. Schon 1946 wurde in Frankfurt am Main deshalb – unter erheblichen Protesten aus Leipzig – die „Deutsche Bibliothek“ als Pendant zur „Deutschen Bücherei“ in der sogenannten Sowjetischen Besatzungszone gegründet.

Die Werkgruppen sind

Le tour

Another Earth Catalog katalogisiert

Gedächtnis Reinigung

Another Earth Catalog katalogisiert

2012-2014 Deutsche Nationalbibliothek

2012 veröffentlichte ich das Buch „Another Earth Catalog“. Im Anschluss wollte ich nachvollziehen, wie das, was für mich ein kleines Rätsel war, ablief: Der Weg eines Buches in die Wissenspeicher der Deutschen Nationalbibliothek. Also fuhr ich mit dem fertigen  „Another Earth Catalog“ nach Frankfurt, um zu verfolgen, wie es inventarisiert werden würde. Dort angekommen wurde ich gewissermassen nach Leipzig zurückgeschickt, weil das Buch bei einem Leipziger Verlag veröffentlicht wurde. Der Standort Leipzig sei zuständig für den Osten. Das ganze Prozedere habe ich dann in Leipzig und in Frankfurt, wohin ein Exemplar des Buches dann geschickt wurde, verfolgt und dokumentiert. Die Arbeit ist eine Symbiose aus Skulptur und Zeichnung.

Le Tour

2012-2014 Deutsche Nationalbibliothek

1959 wurde die Deutsche Bibliothek in einem modernen Neubau nach Umzug eröffnet. Dieser markante Bücherturm in der Frankfurter Zeppelinallee wurde 1997 verlassen. Mit der Gründung  der „Deutschen Nationalbibliothek“ wurde ein neuer Standort bezogen. Der Bücherturm wurde abgerissen.

Immer wieder stelle ich mir bei solchen Gebäuden, deren Zweck ein Anspruch auf Ewigkeit hat die Frage, an wie vielen Orten die Gebäude und deren Geschichten überschrieben wurden. Bei einem Ort des Wissens ist dies besonders, denn es könnte auch immer ein Schwund des Wissens stattfinden. Manchmal sind solche Momente des Verschwindens mystifiziert, wie bei dem Brand der Bibliothek von Alexandria. In Umberto Ecos’ „Der Name der Rose“ gehen einzigartige Bücher in Flammen auf, als der Bücherturm in Flammen aufgeht. Die Romanverfilmung von 1986 liefert die Bilder des Moments, kurz bevor die Bibliothek der Benediktinerabtei in Flammen aufgeht.

Darauf befinden sich Druckplatten, auf denen der nicht mehr existente Bücherturm aus Frankfurt in historischen Ansichten zu sehen sind.

Gedächtnis Reinigung

2014 Deutsche Nationalbibliothek Entnazifizierung

Ein dritter Werkbestandteil untersucht historische Begebenheiten der unmittelbaren Nachkriegsära.  Ich habe eine Auswahl von Dokumenten nachgezeichnet und abfotografiert, die von einer Diaskulptur projiziert werden, die einem Zettelkatalog sehr ähnelt.

Die Dokumente belegen die zwischen 1945 und 1947 stattgefundene Entnazifizierung der Leipziger Bücherei. Dabei ist in der Satzung eine unbedingte Neutralität der Sammlung festgelegt.

Ausstellungsansichten „Herz, Reiz, Gefühl“ Museum der Bildende Künste Leipzig, 2014

Ausstellungsansichten „Die Kapelle und das spezifische Gewicht der Zeit“, Weimarer Schloss, 2017